Gründe für Selbstverletzung

Warum verletzen sich Menschen selbst und was beabsichtigen sie damit?

Die Fähigkeit Schmerz zu empfinden, ist der Schlüssel zum Überleben. Wer keinen Schmerz fühlen kann, ist ständig in Gefahr, durch etwas zerstört zu werden, was er nicht fühlen und somit auch nicht vermeiden kann. Kinder, die sich selbst verletzen, sagen oft, dass sie sich selbst nicht mehr spüren können. Sie haben das Bedürfnis, sich selbst durch den Schmerz der Selbstverletzung wieder wahrnehmen zu können. Mädchen sind dabei weitaus häufiger betroffen als Jungen. Die häufigste Art der Selbstverletzung ist das Ritzen. Meist findet das erste Ritzen an den Armen statt. Verdächtig ist es, wenn auch bei hochsommerlichen Temperaturen immer langärmlige Kleidung getragen wird, um die Verletzungen zu verstecken. Wenn ein Kind kurzärmlige Kleidung trägt, ist dies jedoch kein sicheres Indiz dafür, dass es sich nicht verletzt. Wer sich ritzen möchte, findet dafür auch Körperstellen, die sich gut verstecken lassen.

Ritzen ist nicht das einzige Mittel zur Selbstverletzung, sondern einfach nur das häufigste. Zigaretten auf der eigenen Haut auszudrücken oder sich so lange an ein und derselben Stelle zu kratzen, bis es blutet, gehören ebenfalls dazu. Es gibt noch weitere Formen der Selbstverletzung. Im Grunde zählt alles dazu, was jemand unternimmt, um seinem eigenen Körper zu schaden. Unser Körper ist ganz gut ausgestattet, was die Heilung von Verletzungen angeht. Problematisch wird es dann, wenn die Wundheilung verhindert wird, indem immer wieder weitere Verletzungen an derselben Stelle ausgeführt werden.

Am Anfang des selbstverletzenden Verhaltens steht immer ein emotionaler Schmerz. Das kann ein Schmerz aus der Kindheit sein, der in der Pubertät erneut zum Vorschein kommt oder eine schamvolle Situation, in der sich der Betroffene befindet. Überhaupt sind Ängste, Scham und Schuldgefühle die stärksten Begleiter eines Menschen, der sich selbst verletzt. Wir müssen die Gründe für selbstverletzendes Verhalten (SVV) an der Wurzel beheben, die sich in der Gedankenwelt der Betroffenen befinden. Es reicht nicht aus, sich um die Selbstverletzung an der Oberfläche zu kümmern. Ansonsten würde sich das selbstschädigende Verhalten nur verlagern und könnte in eine andere Form (z.B. Drogen oder Alkohol) übergehen.

Vor der unmittelbaren Selbstverletzung steht immer ein Auslöser. Die Belastbarkeitsschwelle ist für einen Menschen, der sich selbst verletzt, viel niedriger als bei seelisch stabilen Menschen. Oft genügt schon eine Kleinigkeit. Auslöser können Versagensängste oder Misserfolge sein. Oft handelt es sich um einen starken emotionalen Druck oder um eine tief empfundene Einsamkeit. Selbsthass ist ein weiterer Faktor, der Selbstverletzung als eine Art von Bestrafung nach sich zieht.

Betroffene müssen lernen, dass sie selbst für die Gestaltung ihres Lebens verantwortlich sind und dürfen sich dabei nicht von anderen Menschen und Situationen abhängig machen. Auch nicht von ihren Helfern.

Die Aufgabe eines Helfers im Kampf gegen das Ritzen ist die Aufgabe eines Beistandes, nicht die eines Beschützers. Begleiten Sie Betroffene in die Selbstständigkeit und die Selbstverantwortlichkeit. Seien Sie wie ein Cheerleader. Seien Sie für denjenigen, feuern Sie ihn an, freuen Sie sich mit ihm über Erfolge und seien Sie mit ihm traurig über Misserfolge. Wenn Sie als Halt und sichere Basis zur Verfügung stehen -ohne selbst das Ruder zu übernehmen- wird der Betroffene das Spiel gewinnen.